Die autofreundliche Stadt war wohl eine der dümmeren Ideen der Menschheit.
Ja, aber selbst die autofreien Innenstädte sind nicht schön
Wenn man da doch nur mehr Bäume haben könnte… wie, geht nicht? Schade.
Das liegt meiner Meinung nach wirklich einzig am Brutalismus. Absoluter Unfall diese Stilrichtung.
Gibt guten und schlechten Brutalismus. Das echte Problem sind eher schnell und billig hochgezogene Gebäude, die ihre kurze geplante Lebensdauer meist weit überschritten haben. Wenn es richtig gemacht wird, mit bewusster Formensprache, viel grün und menschenfreundlichen Dimensionen und Räumen, dann kann Brutalismus wirklich toll sein.
Es ist aber auch verständlich, warum direkt nach dem 2. Weltkrieg genau so gebaut wurde. Es braucht nicht nur schnell neuen Wohn- und Geschäftsraum für den Wiederaufbau und die Jahre rapiden Aufschwungs, sondern auch einen harten kulturellen Schnitt mit den Exzessen der Vorkriegszeit. Schnörkel wurde als dekadent angesehen. Aus heutiger Sicht ein Fehler (s. auch die sog. Entstuckung, also die absichtliche Entfernung von Fassadendekorationen an Altbauten, fällt darunter), aber das konnte man damals nicht wissen.
Edit: Ich hab das Video noch nicht gesehen, entsprechend entschuldige ich mich, falls das alles darin bereits erwähnt wurde.
Im Video wird noch erwähnt, dass viele alte Gebäude gar nicht im Krieg zerstört wurden, sondern danach, weil man keine Erinnerungen an die Vergangenheit haben wollte. Das wusste ich auch nicht, aber anscheinend ist es dann nicht unmittelbar immer so gewesen, dass Brutalismus nur aus der Not heraus entstanden ist. Ein Typ (Name wird im Video genannt) hat auch ein Buch geschrieben, das Schnörkel und Verzierungen ein Zeichen von Egoismus sind und ein perfektes Gebäude nackt sein muss.
Ich persönlich halte von Brutalismus nichts, ich finde das hässlich und seelenlos, muss ich sagen.
Hab das Video inzwischen gesehen. Es gab recht viele Gründe, warum Gebäude zerstört wurden, die den Krieg überlebt hatten.
Kulturell/ideologische waren definitiv ein wichtiger Grund, aber sehr oft wurde für die erwähnte autofreundliche Stadt viel platt gemacht, das den breiten Verkehrsachsen im Weg stand. Das betrifft übrigens auch Länder, die gänzlich vom Krieg verschont wurden, wie Schweden, welches ähnlich aggressiv seine Städte nach dem Krieg umgebaut hat, mit nahezu dem exakt gleichen Endresultat wie hierzulande, ganze ohne vorher zerbombt worden zu sein.
Anderer Grund: Oft waren die alten Gebäude zwar hübsch von außen, aber entsprachen nicht mehr den Anforderungen der Zeit, z.B. Wohngebäude mit engen, kleinen Räumen, ohne Badezimmer, mit wenig Licht. Hätte man sanieren können, aber nicht selten zu einem größeren Aufwand, als ein schlichter Neubau gekostet hätte.
Sanierung hat auch ihre Nachteile: Ich habe schon in jahrhundertealten Gebäuden gewohnt und gearbeitet (persönlicher Rekord: ca. 420 Jahre), die in jüngerer Vergangenheit komplett saniert worden waren. Eine sehr eigenartige Erfahrung: Die Fassade ist teils hübsch und historisch (gerade seit den neueren Energievorschriften leider viel öfter nicht der Fall - selbst 300 Jahre alte Gebäude sehen dann aus wie alles andere), aber innen herrscht nahezu immer die gleiche schlichte Tristesse wie in neueren Gebäuden. Man erkennt höchstens noch an der einen oder anderen schiefen Wand, komischen Aufteilung oder anderen Kleinigkeiten, wie alt die Hütte tatsächlich ist. Kellerräume sind noch am offensichtlichsten.
Dann wäre da noch der Faktor Arbeit: Verzierungen sind nicht nur teuer, sondern sie benötigen auch viel Handarbeit, wenn sie nicht seelenlos aussehen sollen. Die meisten neuen Gebäude, die versuchen ältere Architekturstile zu imitieren, plumpsen genau in diese Falle, da sie mit Dingen wie industriell gefertigten Verzierungen seelenlos und künstlich wirken. Dazu passen die Proportionen oft nicht, da viele alte Baustile unvereinbar mit heutigen gesetzlichen und anderen Anforderungen sind. Diese Handarbeit braucht Handwerker in Mengen, welche schon nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr existierten - die hatten fast alle Besseres und Wichtigeres zu tun, als von Hand Stuck anzurühren. Das wird sich auch auf absehbare Zeit nicht mehr ändern. Klar kann man aus dem ganzen Bundesgebiet für einzelne Projekte wie das in Frankfurt Spezialisten zusammenziehen, aber das ist keine realistische Option für jede Stadt.
Das Video endet damit, den historisch akkuraten Wiederaufbau zu loben. Finde ich auch gut, aber es ist kein Allheilmittel. Wir können nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern sollten versuchen, Farben, Formen und Räume zu schaffen, die aus der heutigen Zeit und für die heutige Zeit, für die Menschen der heutigen Zeit und ihre Bedürfnisse geschaffen sind. Dazu gehört auch und gerade unser Verlangen nach Schönheit, aber eben nicht nur die Schönheit der wilhelminischen Zeit, des Barocks oder des Mittelalters, sondern auch die Schönheit, Kreativität und den Ausdruck dessen, was uns heutzutage bewegt. Dabei kann man durchaus - und das tun besonders gelungene neuere Gebäude - historische Elemente bewusst einsetzen, in Kombination mit neuen Ideen. Das ist riskanter und schwieriger als einfach zu kopieren, aber hat das Potenzial, noch weit besser zu sein für die Menschen.
Danke für deinen ausführlichen Kommentar, das hab ich gern gelesen. Ich würde gern hierauf noch eingehen:
Wir können nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern sollten versuchen, Farben, Formen und Räume zu schaffen, die aus der heutigen Zeit und für die heutige Zeit, für die Menschen der heutigen Zeit und ihre Bedürfnisse geschaffen sind.
Jein. Ich möchte mal den Faktor der Praktikabilität ausklammern, denn modernisieren lassen sich eigentlich alle Gebäude gleich gut (mit unterschiedlicher Wirtschaftlichkeit natürlich).
Allerdings sehe ich auch, dass barocke oder generell alte Gebäude über Jahrhunderte eine zeitlose Ästhetik geführt haben, was mich zu der Annahme bringt, dass diese Stile einfach gut sind. So ziemlich jeder Baustil danach hat es dafür irgendwie geschafft, nach zehn Jahren heruntergekommen und hässlich auszusehen. Ich weiß deswegen was mich betrifft nicht, ob ich das Experiment der Chance für zeitgeistliche Architektur eingehen möchte.
Aber der Mäusebunker ist schon echt beeindruckend
einen großen teil warum alles so hässlich ist ist die werbung von einzelnen geschäften die dir was verkaufen wollen. die saugen deine aufmerksamkeit aus dir heraus wie bier aus einem zapffass sodass du leer und seelenlos die straße runter läufst. klar wirkt dann alles tot, leblos auf dich. am besten wäre es wenn werbung nur dezent oder gar nicht stattfinden darf, so dass es funktional aber nicht aufmerksamkeitshaschend ist.
Es gibt da ja durchaus Einkaufsstraßen in denen das strenger durchgesetzt wird. Leider meist nur die absolut hochpreisigen, in München etwa die Maximiliansstraße (hier zerstören dafür die Autos dann die Optik) und die Gegend direkt um den Odeonsplatz herum.
Ich weiß nicht, son Galeria Kaufhaus sieht einfach so kacke aus, da hilft die Werbung in den Schaufenstern eher ein bisschen.
Geniales Video. Bitte mehr Content davon.
Ohne das Video gesehen zu haben, die Szene in Daumennagel hat auf jeden Fall was mit dem Wiederaufbau nach dem 2. WK zu tun. So einige Städte waren mehr oder weniger vollkommen zerbombt.
Ja, aber das Thema Entstuckung macht mich immer noch jedes mal wütend wenn ich drüber nachdenke. Hat oft auch mit dem 2.WK zu tun, aber diese Zerstörung waren wir aber direkt selber und nicht nur indirekt.
Hab das Video (auch) noch nicht gesehen aber ja, es wird gerne so viel auf den zweiten Weltkrieg geschoben. Der ist definitiv auch Mitursache aber so viel wurde vollkommen Grundlos in den Jahrzehnten danach zerstört oder abgerissen und durch Bausünden ersetzt.
Einfach traurig. Noch dazu finde ich, dass leider auch Architeken heutzutage weit weit weg sind von dem Punkt an dem sie mal waren. Die meisten Neubauten heute sind zwar zumindest nicht mehr abgrundtief hässlich aber schön triffts auch nicht.
Dresden wurde mit am heftigsten zerbombt, genauso wie polnische Städte. Die meisten sind heute ganz ansehnlich.
Vielleicht solltest du das Video mal anschauen
Köln wurde noch heftiger zerstört. In Dresden und der DDR wurde die Bombardierung durch die US Luftwaffe für Antiamerikanische Propaganda genutzt. Deshalb ist das Thema dort sehr viel präsenter.
Was die Hässlichkeit der Nachkriegsarchitektur angeht, können wir in Köln aber sehr gut mithalten.
Die haben so in etwa einen Quadratkilometer wieder aufgebaut. Das ist nett für Touristen, aber gerade Dresden hat wirklich richtig hässliche Ecken, wenn man das Gebiet auch nur kurz verlässt. Wenn man dann weiter geht dann wird es wieder schön, da in Dresden fast nur die Innenstadt zerbombt wurde, dafür aber richtig.
Ein Quadratkilometer ist schon mal mehr als in vielen anderen Städten.
Dresden hat nach dem Krieg halt diesen einen Quadratkilometer wieder aufgebaut und das sehr schön. Allerdings wurde beim Rest der Innenstadt alles abgetragen und dann mit neuem Stadtplan wieder aufgebaut. Sprich außerhalb des schönen Teils der Innenstadt hat man weite sehr einfach gehaltene Stalinistischen Klassizismus Straßen und sehr viel Platte. Erst nach dem man diesen Gürtel von etwa 2km durch hat wird es wieder schöner, da dort halt nicht Tablua Rasa gemacht wurde.
Im Gegensatz dazu haben die meisten anderen Städte in Deutschland fast im alten Stadtplan wieder neu gebaut und nur einige Autoschneisen durchgeprügelt. Gebäude die den Krieg überlebt haben, wurden oft auch repariert und erhalten. Deshalb hat man in dem Bereich wo Dresden viel Platte hat oft Gründerzeitviertel mit mehr oder weniger vielen Nachkriegsbauten dazwischen.
Praktisch ist der große Unterschied nicht die Menge der “alten” Bausubtanz, sondern das Dresden fast alles in einem relativ kleinen Bereich in der Innenstadt hat, während es bei den meisten anderen Städten viel mehr verteilt ist.
Exakt. Gehste nach Ost- oder Südbayern, findeste schmucke mittelalterliche Stadtkerne.
Komm in die Schweiz oder auch nur nach Konstanz, dann siehste wie Deutschland ohne den 2. WK aussehen würde.
Bausünden haben wir auch, aber weitaus weniger.
Hauptunterschied ist, dass die Bausünden nicht im sondern um den Stadtkern sind.
Eine von denen steht nur noch, weil ein amerikanischer General dort seine Flitterwochen verbracht hatte und sie deswegen erhalten wollte.
Das wird jetzt gerade richtig spannend, da die Gebäude aus dem Wiederaufbau nach dem 2 Weltkrieg jetzt langsam in eine Phase kommen, wo man sie mal richtig sanieren muss. Das ist allerdings so teuer, dass sich recht realistisch bei vielen auch ein Abriss und Neubau lohnen kann. In vielen Städten gibt es genau aus der Zeit Bausünden und wenn man die durch etwas besseres ersetz, dann wertet dass den gesamten Bereich auf.
Allerdings gibt es seit der Postmoderne wirklich nicht mehr die Idee das Schmuck nicht mehr an Gebäude darf. Das wird so auch gelehrt.
Sind wir nicht schon in der post-Postmoderne?
Stimme dir aber sonst zu. Potenzial gibt es viel, aber in der Realität werden die meisten Bausünden durch die gleichen dreieinhalb Gebäudestile ersetzt, die es eh schon überall gibt. Ich glaube das Hauptproblem ist ein ganz simples: Früher waren die Bauherren meist lokal. Man hatte selbst eine enge Verbindung zu dem Ort, an dem ein Gebäude errichtet wurde, nutzte es persönlich oder sah es jeden Tag. Heute sitzen die in irgendwelchen Firmenzentralen weit weg vom Geschehen und jedes individuell in Auftrag gegebene Gebäude ist nur noch eine Zahl in einer Exceltabelle, entsprechend schert man sich nicht groß darum.
Nebenbei bemerkt: Es gab freilich auch ganz früher schon sehr hässliche Gebäude - nur wurden diese nicht auf Postkarten gedruckt, standen oft nicht lange und wurden deswegen vergessen. Jede wilhelminisch geprägte Großstadt mit Prachtstraße im Zentrum hatte auch ihre Elendsviertel. Fabrikbesitzer und Slumlords bauten dort schnell und billig - aber ohne dabei von lästigen Bauvorschriften zu Themen wie Brandschutz, Licht, Raumhöhe und anderen Nettigkeiten eingeengt zu werden. Man kann zu Recht viel an den Plattenbauten der Nachrkiegszeit kritisieren, aber sehr oft haben diese einfache Menschen aus genau solchen prekären Wohnverhältnissen herausgeholt. Sie waren eine Problemlösung, die erst mit der Zeit selbst zu einem Problem wurde.






